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Echo of the Wilds: Surrealer Survival-Trip

Echo of the Wilds

Was haben die nur immer alle mit dem Überleben? Gerade erst habe ich noch Stunden darauf verwendet, meine Dorfbevölkerung in Banished vor dem Tod durch Hunger und Kälte zu bewahren, da kommt Echo of the Wilds mit neuem Unheil um die Ecke. Meine Aufgabe besteht darin, die Protagonistin (oder den Protagonisten) vor dem Tod durch Hunger und Kälte … und so weiter.

Es ist schon absurd, wie gerne wir Spieler diesen archaischen Kampf gegen die Natur immer und immer wieder führen. Als würden wir uns zurückwünschen in eine Zeit, in der man sich noch ein Tier über die Schultern hängen musste, um nicht zu erfrieren. Eine Zeit, in der Menschen die Genießbarkeit von Beeren und Pilzen noch im Selbstversuch studierten – und entsprechende Verluste in Kauf nehmen mussten. Kaum einer von uns wäre einem solchen Überlebenskampf in der Realität wirklich gewachsen. Dennoch ist auch für mich ein gutes Survival-Spiel dem Besuch im Jack Wolfskin-Store jederzeit vorzuziehen. Und so werde ich in der Spielwelt zum weiblichen Rüdiger Nehberg und lasse mich auf das ewige Sammeln und Sterben und Sammeln und Sterben ein.

Echo of the Wilds sieht ein bisschen aus wie ein zweidimensionales Proteus – mit beeindruckend schönen Lichteffekten, kunstvollen Sequenzen und einem ähnlich zauberhaften Klangteppich. Die pittoreske Kulisse steht im krassen Gegensatz zur verzweifelten Lage meiner Protagonistin, die einsam und orientierungslos in einem Wald umherirrt. Sie begreift schnell, dass es nur um eins geht: … ganz genau. Und das ist gar nicht einfach. Die Tage sind kurz, und wer sich entscheidet, die falsche Ecke unter insgesamt 22 Gebieten zu erkunden, findet dort eventuell einen mystischen Fernseher oder anderen Spuk, geht dafür aber mit leerem Magen, durstig oder ohne Feuerholz zu Bett. Mit der üblichen Konsequenz: Tod, und zwar ohne Wiederkehr.

So weit, so bekannt. Was Echo of the Wilds von anderen Survival-Spielen unterscheidet, ist die Story, die sich nach und nach entfaltet, entsprechende Survival-Kompetenz vorausgesetzt. Und diese – hochgradig surreale, spirituelle – Geschichte entwickelt sich schnell zum soliden Horrortrip. Da können noch so viele Rehe gen Sonnenuntergang hüpfen, da kann meine Spielfigur zum hundertsten Mal eine gruselige Gestalt mit „Are you a ghosty?“ verniedlichen: Was sich da in nächtlichen Albträumen und in merkwürdigen Begegnungen bei Tage abspielt, ist definitiv mehr Donnie Darko als Into the Wild, mehr Twin Peaks als Bambi.

Echo of the Wilds

Deshalb ist Echo of the Wilds eben kein Survival-Spiel wie jedes andere. Sicher, auch hier muss gesägt, gesammelt, gebastelt werden. Auch an den alten Feinden Hunger, Durst und Kälte hat sich nichts geändert. Aber das Überleben ist kein reiner Selbstzweck: Mein innerer Rüdiger Nehberg ist auf der Suche nach Antworten! Was hat es mit der durchsichtigen Erscheinung auf sich, die behauptet, ich zu sein? Was bedeuten die Szenen, die bei einem Spieltod ablaufen? Wozu dienen die Steinkonstruktionen im Wald? Und warum ist das alles so verdammt gruselig? Alle diese Fragen motivieren, auch nach zig Hungertoden immer wieder von vorne zu beginnen und machen Echo of the Wilds zu einer intensiven Spielerfahrung.

Echo of the Wilds

Bei aller spirituellen Aufladung ließe sich die Geschichte in Echo of the Wilds also auch als Parabel für die menschliche Existenz verstehen: Wir (über)leben, um zu lernen. Wir können heilfroh sein, dass uns der Überlebenskampf in hiesigen Gefilden so leicht gemacht wird. Niemand, wirklich niemand muss dafür bei Jack Wolfskin einkaufen.

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