Superlevel

Thomas Was Alone

Thomas ist ein freundlicher, neugieriger Typ. Er übt sich in Geduld, wenn sein zynischer Kumpel Christopher auf Thomas’ Erfolgsquote bei Frauen neidisch ist. Und er ignoriert die abschätzigen Kommentare, es würde nur daran liegen, dass er einen Kopf größer als Chris sei. Thomas und Christopher sind grundverschieden — und trotzdem Freunde. Eines haben sie aber gemeinsam: Sie sind zwei zum Leben erwachte Pixelblöcke. Thomas Was Alone ist eine Liebeserklärung an Platzhaltergrafik und ein berührendes Spiel über das Erwachsenwerden einer Gruppe von gesichtslosen Pixelblöcken.

Die beiden Gamedesigner Petri Purho und Grapefrukt haben vor einer Weile das Prinzip des Juicy Gamedesigns erklärt: Ein Spiel könnte unterhaltsamer — ach was, besser — werden, wenn das audiovisuelle Drumherum ausgeschmückt wird, obwohl der Kern unverändert bleibt. Thomas Was Alone ist das beste Beispiel dafür. Aus einem simplen Puzzle-Plattformer wurde mit einer gewaltigen Portion Juice und einem durch Crowdfunding bezahlten Erzähler im Bastion-Stil ein Spiel mit mehr Persönlichkeit als manche Großproduktion.

Ziel in jedem Level ist es, mehrere Pixelblöcke sicher durch eine Reihe von Hindernissen zu steuern und jeden Block zu seinem entsprechenden Levelausgang zu bringen. Dabei kann zwischen den Blöcken umgeschaltet werden, um mit ihnen den anderen Blöcken weiterzuhelfen. Thomas, ein rotes Pixelrechteck, kann zum Beispiel hüpfen, um höher gelegene Abschnitte zu erreichen, ist aber selber klein genug, dass ihn andere, weniger hüpfbegabte Blöcke wie das orange Pixelquadrat Christopher als Treppenstufe benutzen können. Und das ist als Spiel an sich weder besonders spannend noch schwer.

Claire

Was das ausgleicht, ist aber tatsächlich das Drumherum, der “Juice”, den der alleinige Macher Mike Bithell in das Spiel gegossen hat. Während die Pixelblöcke hüpfen, schubsen und schieben, erzählt der schottische Comedian und Autor Danny Wallace eine Geschichte über Freundschaft und Selbstlosigkeit. Wallace macht aus den gesichtslosen Pixelblöcken dreidimensionale Persönlichkeiten. Aus einem großen, blauen Quadrat wird Claire, eine moppelige Superheldin, die ihre Freunde sicher über gefährliches Wasser bringt. Ein pinker Pixelstrich, der andere Blöcke wie ein Trampolin in die Luft schleudern kann, ist für mich Laura, eine unsichere junge Frau, die nach der großen Liebe sucht, aber den Verdacht hegt, dass sie von anderen Menschen nur benutzt wird. Verstärkt wird das von Bithells gelungenen Animationen, die jeder Figur ein eigenes, zur Persönlichkeit passendes Spielgefühl geben.

Wallace’ Erzählung und die sympathischen Figuren waren es, die mich zum Weiterspielen bewegt haben, nicht das eigentliche Spiel über hüpfende Pixelblöcke. Bloß: Wenn das Drumherum, Purhos und Grapefrukts Juice also, zum Hauptspielinhalt wird, dann gibt es ein Problem. Ich will gar nicht das Spiel spielen, ich will den Juice schlürfen (Anm. Fabu: Dennis ist raus). Spiele wie Journey, Dear Esther oder Bastion haben das verstanden. Sie wissen, was Spieler an ihnen interessant finden: Ihre Geschichte, ihre Atmosphäre, ihren Sound und ihre Ästhetik. Sie wollen Erlebnis sein, keine Herausforderung.

Thomas Was Alone will aber beides sein — spielerische Herausforderung und audiovisuelles Erlebnis. Und scheitert daran. Die Rätsel sind nur selten clever genug, um zu motivieren. Das Umherschalten zwischen den Figuren nervt, wenn mehr als drei Pixelblöcke unterwegs sind. Die Hüpfpassagen steuern sich nicht präzise genug und die Speicherpunkte im Level sind oft einfach zu unbedacht platziert. Darunter leidet auch Wallace’ großartige Erzählung. Wenn ich fünfmal einen Level neustarten muss und fünfmal höre, wie sehr Rechteck Thomas davon geträumt hat, die große weite Welt zu sehen, dann will ich nicht sein Freund sein, ich will ihn ersaufen (aber das geht ja nicht, weil da ist ja schon Claire). Kurz: Ich will hier eine wundervolle, kleine Geschichte erleben und mich nicht mit einem mittelmäßigen Puzzle-Plattformer ärgern.

Aber, und jetzt wird’s spannend, Thomas Was Alone hält das aus. Wallace ist so brillant als Erzähler, die Figuren so wunderbar verschroben, der Soundtrack so berührend, die Geschichte ironiefrei liebenswert und warmherzig, dass das mittelmäßige Rätseln und Hüpfen dagegen verblasst. Thomas Was Alone ist der Beweis für die Macht des Juice’. Ich weiß um die spielerischen Fehler und trotzdem hat mich Mike Bithells Pixelepos lächelnd und voller Liebe nachts auf den Bildschirm starren lassen.

Thomas Was Alone gibt es für PC und Mac über Desura und Indiecity für 7,99€. Eine Demo ist ebenfalls verfügar. Den Soundtrack von David Housden gibt es über Bandcamp.

Mehr Informationen findet ihr auf der offiziellen Webseite.

4 Kommentare zu “Thomas Was Alone”

  1. bert
    1

    Tolles Review, die Kritikpunkte sind spot on!
    Trotzdem hab ich das Spiel in zwei Tagen durchgespielt und bin hellauf begeistert. Die Atmosphäre ist einfach toll.

  2. Dom
    2

    Forever a Thomas. :(

    • Dennis
      3

      Danke!

      Und ja, die Atmosphäre macht wirklich viel aus. Wirklich erstaunlich wie viel möglich ist, trotz der abstrakten Präsentation.

      Etwas ähnliches hat übrigens auch Flatland versucht.

  3. McFly
    4

    Ich habe zum Glück nur die Demo gespielt und es nicht mal wieder blind gekauft. Die Umsetzung ist soweit super. Die Idee den Blöcken menschlichen Charaktere zu verpassen ist eine tolle Idee, leider schaffte es die Demo nicht, mich auch vom spielerischen zu überzeugen. Warum ein Spiel dieser simplen Machart z.B. ein Tutorial braucht.. hmm..

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