Oniken

Es folgt ein Gastartikel von Maik „Aulbath“ Wiechmann. Er bloggt für Shodannews und twittert unter dem Pseudoym @InsertDiskII. Für Superlevel nahm Maik das neue Indiegame Oniken unter die Lupe.

Es beginnt als mutige Designentscheidung. Pixelfreunde, die lange Jahre der Unterdrückung durch Polygone, Shader und Physikspielereien erleiden mussten, atmen auf. Doch allzu schnell verkommt Retro zum Trend — und statt Abkehr von der Moderne und die Rückbesinnung auf die Tugenden, nach denen in den späten 80ern und 90ern vorallem japanische Arcade- und Konsolenentwickler entwickelten, findet nicht statt. Es wird mit dem retrochic kokettiert, doch im Kern ist da nichts, was wir uns auf die Wunschzettel für ein 8 Bit oder 16 Bit Gerät unserer Wahl geschrieben hätten. Retro muss vor allem eines sein: Substanz und Authentizität.

Wir waren da, als Retro noch nicht Retro war, als Spielezeitschriften obskure Titel aus Fernost besprachen, als dubiose Drittanbieter abenteuerliche Konstruktionen anboten, damit eben jene Spiele auch auf unseren Eurogeräten abspielbar werden würden. Wir fallen nicht auf Oberflächlichkeiten rein.

Auftritt Danilo Dias und Pedro Paiva alias JoyMasher. Schon die Entstehungsgeschichte ihres Spiels Oniken spricht Bände über das finale Produkt und zerstreut jegliche Skepsis, dass die beiden Jungs es nicht ernst meinen. Als überambitioniertes Mammutprojekt gestartet, verzetteln sich die Macher zunächst. Aus einem Megamix diverser Spielideen wie RPG-Elementen, Unmengen an Items und verschiedensten Waffensystemen, die Auswirkungen auf die Geschwindigkeit und Sprunghöhe des Helden haben, bleibt nur eines übrig: Frustration. Es folgt die Aufgabe, das Projekt Onikenchou wird eingestellt, die Macher widmen sich anderen Dingen zu und verlieren die Lust am Spiele machen.

Bis zum jenem schicksalshaften Tag, an dem Danilo die gesamte Ninja Gaiden-Trilogie auf seinem NES am Stück durchspielt (was an sich bereits eine meisterliche Leistung ist) und plötzlich Klarheit erlangt. Es ist die Geburtsstunde von Oniken – einem Tribut an eine Zeit, in der zwei Feuerknöpfe ausreichten, um uns alles zu geben, was wir uns je von einem Spiel wünschen würden.

Als Tribut spricht Oniken die Formsprache der Popkultur seiner Zeit, diese besteht vorallem aus Zitaten an Fist of the Northstar und M.D. Geist sowie dem NES/FC Katalog von Firmen wie Tecmo, Konami und Capcom: Muskulöse Überkrieger, die mit überdimensionierten Ninjawaffen vor endzeitlicher Kulisse gegen genetisch veränderte Supersoldaten, mutierte Biowaffen und haushohe Mecha antreten. Es ist der feuchte Traum eines jeden männlichen Mannes, der sich die Überdosis an Manga Entertainment VHS-Kassetten direkt intravenös gab und noch heute auf diesem Tripp ist. Oniken gelingt es dabei, sowohl jene ins Boot zu holen, die vielleicht nur Mad Max oder Terminator kennen, bietet aber vorallem dem Kenner jede Menge Hinweise auf den Animegeschmack der beiden Ersteller. Im Gespräch mit Danilo habe ich dann sogar erfahren, dass er tatsächlich beim Zeichnen der Zwischensequenzen Musikstücke wie “Kill the Fight”, “Heart of Madness” oder “Violence of the Flame” hörte. Großartig!

“Oniken is NES hard!”

Oniken hat also das Herz am richtigen Fleck, die Macher haben den Zeitgeist hinter Klassikern wie Super C oder Shatterhand im Blut. Gelingt ihnen das Unglaubliche und erreichen sie auch die Qualität besagter Titel? Mit Freudentränen möchte ich sagen: Ja! Dieses Spiel schafft es, sich unauffällig unter meine Sammlung diverser NES-Actiontitel aus den Jahren ’88 bis ’92 zu mischen und so zu tun, als ob es schon immer da wäre.

Es ist so wunderbar zu sehen, wie jemand die Grundprinzipien von klassischem Spieldesign verstanden hat und sicher anwendet. Hier braucht es neben guter Hand-Augen-Koordination vorallem eine gute Beobachtungsgabe. Die Geschehnisse am Bildschirm geben erst langsam ihre Geheimnisse preis und der Bildschirmtod ist des Spielers treuester Begleiter. Das Schöne dabei: Das Spiel selbst ist nie im Weg des Spielers. Keine Steuerungsschwierigkeiten durch alle möglichen und unmöglichen Aktionen, keine Kameraprobleme, keine Zwischensequenzen, keine Tutorials. Nur der Spieler und das Spiel, keine Ablenkung. Es ist diese Klarheit, die den meisten modernen Titeln völlig abgeht und Oniken in der heutigen Zeit zu etwas Besonderem macht. Ich fühle mich vom Spiel ernst genommen. Die Macher haben sich Mühe gegeben, meine Spielzeit mit möglichst viel Spiel zu füllen — hier bedeutet GAME START auch wirklich, dass ein Spiel beginnt. Hier bedeutet Spielen ein stetiges Verbessern der eigenen Fähigkeiten VOR dem Bildschirm. Dieser Titel spielt sich nicht von selbst und schert sich nicht darum, ob der Spieler einen Abschnitt zweimal oder hundertmal neustarten muss.

Oniken bestraft gnadenlos jeden, der seine Tricks nicht durchschaut, belohnt aber diejenigen mit Fortschritt, die sich Gegnerpositionen, Angriffsmuster einprägen und sich an die Spielregeln halten. Es ist eine in der modernen Spielewelt überwunden geglaubte Form des Designs, ein Spiel zu erlernen und dann die einstudierte Choreographie der Vernichtung möglichst fehlerfrei abzuspulen. Die Suchtwirkung, der Sog, der sich dabei entwickelt, wird massiv unterschätzt. Ich konnte das Spiel nicht weglegen, ehe der Abspann lief. Es ist eine allzu reizvolle Form des Spielens, besonders wenn der Fortschritt selbst erarbeitet ist. Kann es einen erhabeneren Moment geben, als einen Endgegner durchschaut zu haben und den als unbesiegbar geglaubten Feind endlich zu besiegen? Oniken bietet genau das, in Reinform — ohne Gekasper drumherum. Es wird niemanden überzeugen, der Angry Birds für ein fantastisches Spiel hält, doch es ist genau der Stoff, nach dem wir 2D-Junkies lechzen. Pur, frei von Verunreinigungen wie der Moe-Bewegung, die Karateka und Weltraumpanzer gegen Schulmädchen austauscht. Niemand wird Oniken erklären müssen, es funktioniert einfach.

Es mag an der Perspektive liegen, aber in 2D fühlt es sich einfach verdammt richtig an und Oniken liefert einen gelungenen Rundumschlag der verschiedensten Inspirationen. Der Connoisseur durchschaut zwar schnell, wo der Hase lang läuft (Ich war sicher auf eine Abwandlung meines Lieblingsbosses aus Super Probotector / Contra Spirits zu stoßen und wurde nicht enttäuscht), aber Deja-Vu Momente sind natürlich bei einem Tribut Pflicht. Der Tropus “Nintendo Hard” darf da natürlich auch nicht fehlen, wobei sich Oniken über weite Teile schon fordernd, aber nicht überfordernd spielt. Für den letzten Abschnitt bedarf es allerdings flinker Finger, die eines Meister Takahashi würdig wären.

Oniken ist ein absoluter Volltreffer geworden. Die beiden Macher haben wirklich einen Nerv getroffen — wünsche ich mir doch schon seit langem die Rückkehr von genau dieser Sorte Spiel. Danilo und Pedro können verdammt stolz auf Ihr Werk sein — und ich hoffe aus ganzem Herzen, dass ihre Arbeit entsprechend gewürdigt wird und wir vielleicht irgendwann ein Oniken 2 sehen werden. Für jeden MOST DANGEROUS da draußen wird der Kaufbefehl erteilt!

Oniken gibt es für PC über Desura zum Preis von €3,99. Wer sich in den Kommentaren (konstruktiv) zu Wort meldet, kann einen von zwei Downloadcodes gewinnen.

Mehr Informationen und eine Demo gibt es auf der offiziellen Webseite.