A MAZE 2014: Oculus Rift

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Das VR-Headset Oculus Rift ist nicht nur aufgrund der Übernahme durch Facebook ein heißes Thema. Indieentwickler stürzen sich schon seit geraumer Weile auf das Gerät und seine vielfältigen Möglichkeiten. Ein paar Experimente konnten ich auf der A MAZE ausprobieren.


Disunion – The Guillotine Simulator

Meine erste Begegnung mit dem Oculus Rift endete sogleich mit meiner virtuellen Enthauptung. Der Partygag Disunion eignet sich allerdings hervorragend, um sowohl Stärken als auch Schwächen des Gerätes eindrucksvoll zu demonstrieren. Da gibt es technische Probleme, die man in den kommenden Jahren lösen wird und Schwierigkeiten bei der Steuerung, die man durch bewusstes Spieldesign umgehen kann. Heraus sticht aber vor allem das kreative Potenzial, das sich schon jetzt entfaltet. Virtual Reality ist nicht (nur) alter Wein in neuen Schläuchen, sondern ermöglicht tatsächlich Dinge, die in dieser Form und Intensität bisher nicht da waren. Kopf rein, Kopf ab.

Super Hot

Super Hot mit dem Oculus Rift ist wie die berühmteste Szene aus Matrix. Mit offenem Mund saß man damals im Kino, als Neo den Kugeln des Agenten in Zeitlupe beinahe ausweichen konnte und mit offenem Mund sitzt man auch heute da, wenn die Kugeln in Zeitlupe haarscharf am eigenen Kopf vorbei rauschen. Unwillkürlich bewegt man den ganzen Körper, um ihnen auszuweichen und folgt mit dem Kopf der Kugelflugbahn. Das letzte Mal, dass mich Zeitlupeneffekte in einem Videospiel derart beeindruckt haben, war im Jahre 2001.

Super Hot ist vielleicht die perfekte Demo für das Oculus Rift. Das langsame und taktische Spieltempo verhindert allzu hektische Bewegungen und beugt potenzieller Übelkeit vor. Das klare Farbschema überspielt die Probleme, die die geringe Auflösung der Headset-Bildschirme mit sich bringt. Dazu die vorbeifliegenden Kugeln die einem das das kurze Gefühl geben, der Auserwählte zu sein.

Die Oculus Rift-Version ist allerdings nur eine Nebenschauplatz. Der einstige Gamejam-Beitrag des polnischen Entwicklers Piotr Iwanicki wird inzwischen zu einem umfangreichen Spiel erweitert, inklusive Grafikupdate, Story und allem was dazu gehört. SUPER HOT! SUPER HOT! SUPER HOT!

Haptic Turk – A Motion Platform Based on People

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Im 18. Jahrhundert sorgte ein Ingenieur für einiges Aufsehen, indem er behauptete, einen schachspielenden Automaten konstruiert zu haben. Leider war die in türkischer Tracht gekleidete Puppe kein früher Computer, sondern ein Zaubertrick. Denn im inneren des Apparates verbarg sich kein Geist der Maschine, der die Figuren bewegte, sondern lediglich ein Mensch. Die Täuschung war jedoch gut genug, um die europäischen Fürsten und die bürgerliche Öffentlichkeit eine Weile an der Nase herumzuführen.

Der Haptic Turk des Hasso-Plattner-Institutes setzt ebenfalls auf Menschenkraft, um eine Illusion zu erschaffen. Während man mit dem Oculus Rift in einem Hängegleiter einen Berg hinab schwebt, wird man von den Auf- und Abwinden in Menschengestalt hin und her geschleudert, was der Simulation trotz der technischen Schwächen des Headsets eine enorme Kraft verleiht.

Der große Gottlieb

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Noch ein kleiner Ausflug in die Geschichte. Lange bevor Film und Videospiele der bevorzugte Reiseweg in fremde Welten wurden, war an dieser Stelle ein anderes Medium populär: das Panorama. Menschen strömten in Scharen herbei, um die großen Rundgemälde fremder Orte zu betrachten. Auf Aussichtsplattformen im Mittelpunkt der Gebäude stehend, konnte der Blick über die gesamte Szenerie schweben und dem Publikum des 19. Jahrhunderts das Gefühl vermitteln, wirklich in London, Paris oder einer antiken Schlacht zu stehen.

So ähnlich fühlte ich mich beim Oculus-Diorama Der grosse Gottlieb von Daniël Ernst. Kein Kugelhagel, keine Enthauptungen und keine abrupte Beschleunigung. Mein persönliches Oculus-Highlight war gleichzeitig wohl die unspektakulärste Umsetzung der virtuellen Realität – aber mit Abstand die schönste. Den Blick über die Berge schweifen lassen, während man ganz entspannt auf einem Stuhl hoch oben auf dem Gipfel thront. Ein altes Grammophon knarzt eine kaum erkennbare Melodie, über einem der Sternenhimmel und im Rücken die sanfte Brise des schwarzen Standventilators der vielleicht – oder vielleicht auch nicht – kurz darauf einen Stromausfall verursachte.