Re: 2011 — Artikel & Podcasts

Artikel des Jahres 2011

Fabu

Ich lese █████ gern. Das habe ich noch nie, deswegen ist es sehr wahrscheinlich, dass mir viele gehaltvolle Artikel entgingen. Aber meine geschätzten Kollegen werden dieses Loch hoffentlich zu stopfen wissen. Das Essay “Mehr Geist bitte, liebe Games-Tester” von Ex-GameStar-Redakteur Christian Schmidt las ich auch erst in voller Länge, nachdem mir meine Freundin davon erzählte und eine Empfehlung aussprach. Abgesehen vom hohen Wahrheitsgehalt interessierte und amüsierte mich das anvisierte Wespennetz und seine Bewohner. Denn anhand der Reaktionen auf Christians Artikel ließen sich sehr rasch Intelligenz, Weitsicht, Relevanz und die Fähigkeit zur Selbstreflektion von Personen ausmachen. Auch wenn ich kein Freund vom Schubladendenken bin, möchte ich die Schublade mit dem Aufdruck “Vollidiot” in meinem Leben nicht missen.

Da kamen sie nun alle aus besagter Schublade und keiften und traten beleidigt gegen Christians Schienbein — und disqualifizierten sich selbst. Genau da lag nämlich das Problem: Anstatt die Vorteile der eigenen Handlungsweise im Umgang mit Spieletests in den Vordergrund zu stellen, schlug man lieber unterhalb der Gürtellinie des “Nestbeschmutzers” zu. Welch herrliches Schauspiel.

Mein darauf folgendes Interview mit Christian musste ich leider abbrechen, bevor es überhaupt startete, da er meine erste Frage nicht beantworten wollte und um einen alternativen Einstieg bat. Das konnte ich mit meinen Prinzipien nicht vereinbaren, also trennten sich unsere Wege wieder. Schade.

Dennis

Ich lese sehr gerne. Darum (und weil wir RPS Sunday Papers und Critical Distance bewundern) haben Christof Zurschmitten und ich auch Anfang des Jahres den Monatsrückblick beim TITEL-Magazin gestartet. Und der zeigt: 2011 war ein wunderbares Jahr für Texte über Spiele.

Mir persönlich besonders wichtig war Jamin Warrens “Say How You Play”, in dem er dazu aufruft Spiele als gemeinsam erlebte Erfahrungen zu verstehen, die in unseren Erzählungen weiterleben. Ein unheimlich berührendes Konzept fürs Über-Spiele-Schreiben, das nur selten in der von Christian Schmidt losgetretenen Diskussion um Spielekritik Erwähnung fand.

Großartige Spielekritik hingegen gab es dieses Jahr von Björn über Portal 2, von Tom Bissell zu L.A. Noire und von Tim Rogers, der in seiner “Ghost Story” verbittert, unterhaltsam und mit viel Wissen die Gier und Unmenschlichkeit von Social Games seziert hat.

Was die journalistische Seite des Spielejournalismus angeht, darf die Gamestar-Analyse zur EULA von EAs Origin nicht unerwähnt bleiben. Mehr Spaß allerdings machte Wireds Reportage über Jason Rohrers Minecraft-Religion Chainworld. Das Herz brach mir dann aber Simon Parkin mit “The Bug and the Windscreen” einer Gonzo-mäßigen Reise ins Kool-Aid-triefende Machismo-Herz der modernen Call-Of-Duty-Spielekultur. Call me!

Was ich in deutscher Sprache so selten sehe, sind allerdings Artikel, die schwer in Kategorien eingeordnet werden können oder die mir als Leser neue Perspektiven eröffnen. Als Beispiel möchte ich da Christofs fabelhaften Artikel “Newtons überforderte Kinder” über Slapstick als die Humorform des Videospiels nennen, der ihm (und letztendlich auch mir) ermöglicht hat, Reportagen für die Gamestar zu verfassen. Sehr interessant war auch die Gast-Artikelreihe über Games und Geschichte von Zockwork Orange. Als große Ausnahme möchte ich auch den Tokyo-Game-Show-Bericht der ZDF Pixelmacher nennen.

Außer Konkurrenz lief dann aber Brendan Keoghs “They must be mad”: Ein dreiteiliger, in 48 Stunden verfasster Bericht über den Wahnsinn eines 48-Stunden Game Jams, sowie Denis Farrs “This Gaymers Story”. Ein unheimlich persönlicher, unheimlich wichtiger und unfassbar mutiger Text über Homosexualität, Missbrauch und Videospiele.

Ich würde mir für dieses Jahr wünschen, dass es auch auf Deutsch mehr Versuche gibt, gewohnte Muster zu durchbrechen. Rezension sollten Spiele, die keine Beachtung kriegen, verteidigen. Texte sollten verdammt nochmal Spaß machen, QUOTE.FM-würdig sein und uns weiterbringen. Und “Comfort Zones” sind dazu da, aus ihnen rauszugehen, um sich mit Kool Aid auf Call-of-Duty Events überschütten zu lassen und schlaflos in Tokyo über Game Jams zu schreiben.

Jeremy

Es gibt für mich nichts langweiligeres als deutschsprachige Texte über Videospiele. Verkrampfte, geschwafelte Textwüsten, deren Verfasser sich in 90% der Fälle einfach nur selbst gerne beim schreiben zusehen, es dabei aber sehr eindrucksvoll schaffen, nichts zum Thema Videospiel beizutragen, außer dessen Konsum abzufeiern. Und sollte doch mal eine konkrete Meinung vertreten werden, ist diese meist unreflektiert und weit, weit weg von jeglicher Realität. Versteht mich nicht falsch, Ich habe nichts gegen lange Texte, sondern gegen lange nichtssagende Texte. In der Kürze liegt die Würze, Freunde.

Nichtsdestotrotz soll an dieser Stelle guter Kram empfohlen werden. Und ich wiederhole mich gern:

“Das ist verdammt nochmal der wichtigste Text über Videospiele der letzten Jahre, den zumindest jeder, der einmal Spielen wie Tiny Tower verfallen ist, oder sich dabei erwischt hat 79 Cent für irgendwelche virtuellen Münzen in sein iPhone zu werfen, gelesen haben sollte.”

Who killed Videogames, von Tim Rogers. Dessen Blog ebenfalls sehr lesenswert ist, sofern man sich von dem Layout nicht abschrecken lässt.

Dom

Auch wenn ich zur Generation “Lesen ist scheiße” gehöre, habe ich den ein oder anderen netten Artikel an meine Netzhaut gelassen. Als Kurator für die Abteilung Entertainment spare ich mir Paraphrasen und verweise hiermit lediglich auf mein Profil bei QUOTE.FM. Tee und Hornbrille aufsetzen, los geht’s.

Podcasts des Jahres 2011

Fabu

Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Stunden ich in diesem Jahr mit dem Hören von Podcasts verbracht habe. Aber noch weniger möchte ich wissen, was für sinnvolle Dinge ich stattdessen hätte machen können. Fakt ist nämlich, dass ich kaum einen gamingrelevanten Podcast für mich entdeckte, der nicht durch gähnende Langeweile brillierte oder Fremdscham bei mir auslöste. Dazu muss ich jedoch sagen, dass ich mich bis dato noch nicht an englische Vertreter traute und somit nur Landsmännern- und -frauen auf den Schlips treten kann. Unterm Strich bleiben für mich nur zwei Podcasts konstant in der Playlist: Der GameOne-Plauschangriff (abzüglich Chris, weil merklich das schwächste Glied in der Kette) und das charmante Gebrabbel der Jungs von Consol.at (iTunes).

Die Angespielt-Reihe (iTunes) von Marcus Richter und seinen Gästen soll nicht unerwähnt bleiben und auch die Idee hinter dem Retrozirkel (iTunes) sagt mir zu, doch bei aller Sympathie kommen beide Podcasts in meiner Wertungsskala nicht über ein “ganz okay” hinaus. Gamesundso (iTunes) und Areagames (iTunes) flogen bei mir dieses Jahr raus. Gamesundso driftete mehr und mehr in die Belanglosigkeit ab und Areagames verlor mit dem Weggang von Daniel Pook und seinen Pimmel- und Negerwitzen sein letztes und einziges auch nur ansatzweise unterhaltsames Merkmal. Den Frühstückspodcast (iTunes) von Manuel und Boris höre ich nur sehr selten — und zwar dann, wenn ein Gast geladen wurde, der die sonst so dröge “Was hast du gestern gespielt?“-Platte vom Teller nimmt. Als ich den Podcast in seiner Anfangszeit noch öfter hörte, fühlte ich mich stets an einen Tischtennisspieler erinnert, der die eine Seite der Tischtennisplatte hochklappt und tagein tagaus gegen sich selbst spielt — und dabei nie die Hoffnung verliert, sein Gegenüber könne eines Tages Spielzüge entwickeln, die nicht vorhersehbar seien.

Die peinlichste Vorstellung lieferten die Damen und Herren von Zockwork Orange (iTunes) mit ihrem Podcast über L.A. Noire ab. Was vermutlich als freundlicher Schlagabtausch geplant war, entwickelt sich mit der Zeit zu kollektiven Darmentleerungen auf den Bäuchen der Mitstreiter.

Für 2012 wünsche ich mir einen richtig guten, deutschsprachigen Podcast, der sich primär mit Indiegames beschäftigt. Vorzugsweise präsentiert von intelligenten Menschen, die über Persönlichkeit verfügen und wirklich etwas zu sagen haben. Gerade in Bezug auf letzteres trennt sich nämlich die Spreu vom Weizen — über 90% der Podcaster da draußen sind nicht in der Lage, über den Tellerrand zu blicken und wer diese Eigenschaft nicht sein Eigen nennt, genießt in meinen Augen auch keine Relevanz. Die Kunst besteht schließlich nicht im Sprechen, sondern im Verstehen und Reflektieren — und darin, Verständnis und Reflexion dem Hörer charismatisch zu erläutern. Außerdem befürchte ich, dass viele Menschen permanent ihre Reputation in Gefahr sehen und deswegen sowohl Denk- als auch Sprachapperat auf Sparflamme fahren.

Jeremy

Ich liebe Podcasts, höre allerdings kaum welche. Selbst Angespielt des geschätzten Monoxyd und jener Frühstückspodcast von Manu zeichnen sich bei mir dadurch aus, dass ich sie mir nur dann anhöre, wenn ich selbst darin auftrete. Das hat nichts mit Missgunst zu tun, sondern eher mit… Desinteresse? Ich persönlich interessiere mich eben eher für Spiele abseits des Mainstreams und bin daher wohl vermutlich nicht Teil der Zielgruppe. Und das ist okay.

Der Geschichten/Science-Podcast Radiolab hat zwar wenig mit Videospielen zu tun, möchte ich hier aber nicht unerwähnt lassen. Tiff Chow brachte mich gegen Ende des Jahres darauf, und ich schlinge mich seither wie ein irrer durch alle Episoden des Archivs. Das ist selbstverständlich eine aufwändige Radioproduktion und mit unseren kleinen Podcasts nicht zu vergleichen. Dennoch ist fast jedes Thema wahnsinnig spannend, eine Folge über Games (und was sie mit Menschen anstellen, psychologisch) gibt es auch.

An der Indiegames-Front sollte an dieser Stelle (weil soweit ich weiß momentan der einzige explizit auf Indiekram gerichtete Podcast im deutschsprachigen Raum) Wir schweifen ab erwähnt werden. Ehrlich gesagt kam ich aber bisher nicht dazu, reinzuhören, kann also genausogut totaler Mist sein, keine Ahnung.

Dennis

Ich bin kein großer Podcasthörmensch, weil ich in letzter Zeit selten mit Kopfhörern unterwegs bin und zuhause dann irgendwie doch lieber Musik laufen lasse. Das heißt: ich brauche nicht stundenlange Zwiegespräche im Kopf dafür habe ich mich ja schließlich selbst, sondern hochqualitative Inhalte auf die Ohren und spannende Gespräche mit interessanten Gästen.

Auf Deutsch hat es mir in den letzten Monaten Gunnar Lotts und Christian Schmidts Stay Forever angetan. Ein angenehm unaufgeregter, schwer informativer Podcast über “alte” Spiele mit viel Hintergrund und Humor.

Manus Frühstücks-Podcast möchte ich als Instanz nicht missen, muss mit Fabu aber d’accord gehen: Am Unterhaltsamsten wird es, wenn Gäste dabei sind. Dom zum Beispiel!

Am beeindrucksten fand ich jedoch Ken Levines unübertroffene Irrational Interviews. Bioshock-Macher Levine spricht da mit Leuten wie Guillermo del Toro, Randy Pitchford oder Kieron Gillen über Spiele, Kunst, Sex und den ganzen Rest. Tolle Gäste, interessante Gespräche und mit jeweils 30-40 Minuten Lauflänge perfekte Laufzeit.