A MAZE. / Berlin 2016: Im Gespräch mit Festival-Direktor Thorsten Wiedemann

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Um uns herum werden bereits die leeren Bierflaschen eingesammelt und Monitore abgebaut, als wir Thorsten Wiedemann am Samstag Abend auf dem nun leeren Gelände des Urban Spree treffen. Die A MAZE. / Berlin ist vorbei und wir finden endlich die Zeit, uns mit dem Direktor einer der wichtigsten Veranstaltungen der alternativen Videospielszene zusammenzusetzen und über die Vergangenheit und Zukunft des Festivals zu sprechen.

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Nina Kiel Rückblickend am letzten Tag, bist du denn zufrieden, auch wenn du selbst nicht viel mit anhören konntest?

Thorsten Wiedemann Ich bin sehr, sehr zufrieden. Viele neue Sachen haben gut funktioniert, zum Beispiel das A MAZE. Co-/ Production Village. Das kann man ausbauen, es soll sich da ein eigener Markt für experimentelle, alternative Gameinhalte generieren. Hoffentlich werden nächstes Jahr auch Nintendo und PlayStation dabei sein, damit sie das auch sehen und spielen. Mir geht’s darum, dass die Leute, die hier was machen, auch überleben und weiter das machen können, was sie gerne tun.

Nina Anhand welcher Kriterien trefft ihr die Auswahl der Vorträge und der Ausstellung?

Thorsten Wir wollen ein internationales Festival sein, deswegen haben wir versucht, Leute aus verschiedenen Ländern zusammenzubringen. Sehr froh sind wir, dass Leute aus Südafrika da waren und gesprochen haben, aus Palästina hatten wir beim Hyper Talk jemanden. Mir geht’s darum, die ganze Welt zusammenzubringen. Das A MAZE. Festival an sich reist ja auch um die Welt, wie zum Beispiel in Johannesburg, und ich möchte das gerne weiter ausbauen. Dem A MAZE. Festival geht es darum, auch sozialkritische Inhalte, politische oder aktivistische Projekte zu fördern. Es geht nicht um Serious Games, sondern um die kreative Gestaltung. Und ich denke, das macht das Festival zu dem, was es sein soll. Es soll im Endeffekt ein kultureller Austausch stattfinden.

Wir hatten drei Leute aus Palästina eingeladen, die den Game Jam in Ramallah gewonnen haben, den wir mit dem Goethe-Institut und dem Institut Français veranstalteten, um das Festival zu sehen und sich unter die Leute zu mischen. Shalev Moran, der in diesem Jahr auch wieder moderiert hat, kam dann zu mir und sagte: “Das ist doch die Gelegenheit, um Palästinenser und Israelis zusammenzubringen”. Die haben sich dann zwei oder drei Stunden auseinandergesetzt und gesprochen. Es wurde sofort politisch, aber es war gut. Die bleiben jetzt im Kontakt und werden hoffentlich auch in irgendeiner Weise zusammenarbeiten. Dafür soll das Festival da sein.

Dann macht es auch viel mehr Sinn für Botschaften und Kulturabteilungen herzukommen, die sehen, dass wir so wie Filmfestivals eine kulturelle Plattform sind. Und dann hat man eben auch die Chance, dass solche Inhalte ins Feuilleton kommen und nicht nur in die Gamerpresse.

Nina Hast du das Gefühl, dass dieses Bewusstsein inzwischen ausgeprägter ist, dass Spiele eben auch politische Themen anschneiden können und dass ihr vielleicht auch einen Beitrag dazu geleistet habt?

Thorsten Die Leute machen ja sowieso was sie wollen. Das ist die künstlerische Freiheit, da muss man auch nicht vorspielen, wie irgendwelche Sachen umgesetzt werden sollen. Für mich ist es wichtig, dass man das fördert und ich denke, ein Award kann dazu beitragen, dass eben genau solche Inhalte auf ein anderes Level hochgehoben werden. Dann fragt die Presse “Warum hat dieses Spiel gewonnen?” und hat einen Diskussionsgrund. Das ist ganz, ganz wichtig, auch für das Medium an sich.

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“Die Leute machen ja sowieso was sie wollen, das ist die künstlerische Freiheit. Für mich ist es wichtig, dass man das fördert.”

Nina Mediales Interesse außerhalb der Spielepresse existiert also bereits und Leute kommen auf euch zu und fragen, was es mit dem ganzen auf sich hat?

Thorsten Genau. Gestern habe ich ein Interview gegeben, wo es eigentlich darum ging, Leute davon zu überzeugen, dass es andere Games gibt als die, die man im Mainstream kennt. Und dass es auch eine Szene gibt, die anders denkt. Die auch Digitalität ganz anders sehen und mit den Tools, die die Digitalität vorgibt, sie auch kreativ nutzbar gemacht wird und in Games auch große Geschichten erzählt werden können.

Nina Ihr habt jetzt gerade ein Jubiläum gefeiert, das fünfjährige, bist du zufrieden mit der Entwicklung der letzten Jahre?

Thorsten Es ist Wahnsinn. A MAZE. gibt es seit 2008 und wir haben da noch nicht so auf Indiegames geguckt, aber seit 2012 gibt es die Indie Connect und 2014 haben wir es erste mal es A MAZE. / Berlin genannt. Wir haben mit 100 Leuten angefangen und jetzt sind über 1000 aus der ganzen Welt gekommen. Es zeigt, dass das, was wir machen, richtig ist. Natürlich ist es eine eingeschweißte Community und Familie, aber es ist ja auch wichtig, denn genau die brauchen die Plattform und ein Zuhause, damit sie sich wohl fühlen.

Die inspirieren sich gegenseitig und die inspirieren auch mich insofern, dass ich ein guter Host sein und auf ihre Bedürfnisse eingehen kann. Man muss das alles erstmal verstehen. Ich bin erst 2006 zu den Games dazugekommen und ich denke, ich verstehe jetzt schon einiges, aber man kann alles nur noch besser machen. Ich habe früher auch bei Filmfestivals gearbeitet. Mir fällt halt auf, dass die vieles richtig gemacht haben und dass die Gamesbranche vieles falsch macht. Gerade in der Form, wie man Games präsentiert, wie man sie vermarktet. Man feiert Games gar nicht richtig und ich finde, A MAZE. feiert Games und das ist sehr mitreißend. Gerade der Zuschauerstrom aus Berlin ist natürlich auch ganz wichtig. Einige kommen nur wegen dem Musikprogramm, aber sehen dann die Games, probieren Virtual Reality aus. Das ist für viele komplett neu.

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“Einige kommen nur wegen dem Musikprogramm, aber sehen dann die Games, probieren Virtual Reality aus. Das ist für viele komplett neu.”

Wir kuratieren und zeigen auf der A MAZE., was wir gerne mögen. Es gibt keine Kuration… auf Steam gibt es irgendwie Kuratoren, aber das ist auch alles random, das geht nicht in eine Richtung. Ich hoffe, dass es in Zukunft mehr Festivals gibt, so wie auch Filmfestivals, die darauf achten, dass eben kuratiert wird. Unter dieser Masse von Spielen blickt man eh nicht mehr durch. Und gerade Conventions und Casual Connect geht es nur darum, ob ein Spiel verkaufbar ist und das ist schade, das sollte nicht immer so sein. Das ist nichts, wo wirklich der Inhalt besprochen wird.

Nina Würdest du dir ein generelles Umdenken in der Branche wünschen, dass experimentelle Strömungen hervorgehoben werden? Oder ist es gerade interessant, dieses Gegengewicht zum eher glattgebügelten Mainstream zu haben?

Thorsten Ich habe kein Problem mit Mainstream-Geschichten, ich spiele es ja selber auch. Es muss beide Seiten geben. Wie im Filmbetrieb, und sogar in der Literatur, gibt es einfach Experimente, die komplett vom Mainstream entfernt sind. Das funktioniert, die brauchen sich gegeneinander. Die Branche kommt ja auch hierher, um sich inspirieren zu lassen. Der ein oder andere Publisher sagt dann vielleicht auch “Hey, ich will das hier in mein Portfolio aufnehmen”. Independent kann auch Mainstream werden, ist ja in der Musik auch so geworden.

Ich finde nur gut, wenn ein Markt geschaffen wird, wo es eine Zielgruppe für genau diese Games gibt und dass die Leute auch gut davon leben können. Auch die Fördersituation in Deutschland muss sich verändern, da muss mehr Geld herkommen, mit dem auch tatsächlich kreative Projekte angeschoben werden und nicht nur Businessmodelle. Momentan wird noch mehr geguckt, ob es mit dem Markt kompatibel ist, als dass es wirklich um etwas geht, wo Grenzen überschritten werden.

Das Festival trägt viel dazu bei. Ich merke auch durch das Medienboard, das ja ein ständiger Partner ist, dass die das mögen. Genau sowas inspiriert sie auch und sie lernen durch uns. Das sind im Endeffekt ja Beamte und das dauert halt lang. Wir sind Vorreiter und zeigen die Avantgarde, aber bis es bei denen wirklich ankommt und umgesetzt wird, braucht es vielleicht fünf Jahre. Aber dafür bin ich ja da.

Nina Gibt es mit Blick auf das kommende Jahr etwas, das du dir konkret wünschen würdest, das vielleicht anders gemacht werden könnte?

Thorsten Ich hoffe, dass das Wetter immer so bleibt. Wir hatten wirklich Glück dieses Jahr und dadurch dass wir sehr viel Außenfläche hatten waren wir natürlich sehr dankbar, dass die Sonne geschienen hat.

Es wird größer und ich will es auch größer anlegen. Ich suche nach einer neuen Location. Ich möchte A MAZE. institutionalisieren, so dass es einen sicheren Ort findet, wo die A MAZE. mit der Location wachsen kann. Es hängt auch von der Förderung ab, Stellen wie der Kulturstiftung des Bundes. Die sind auch interessiert, wie man schon bei unseren Partnern sieht: Das British Council, die Botschaft der Niederlande, das Institut Français.

Das ist genau was das Festival sein soll, ein kulturelles Event und ein Highlight jedes Jahres, bei dem die Kreativszene zusammenkommt. Hier finden sich die kreativsten Köpfe in der Gamesindustrie. Mein Ziel ist, dass sich dieses Festival etabliert. Wir haben diese Time Capsule gemacht, die 25 Jahre im Boden versinkt, mit irgendwelchen Gütern, die wir reingelegt haben. Es wäre schön, wenn es das A MAZE. Festival in 25 Jahren noch gibt.

Nina Und dann hebt man die Zeitkapsel wieder.

Thorsten Genau! Einige Leute haben einfach ihr Mindset auf einen Zettel geschrieben und reingelegt. Ich glaube das ist interessant, wenn 25 Jahre später wieder rauskommt, wie die Leute noch darüber denken. Vielleicht ist es total abstrus. Ich werde vielleicht eine VR-Brille reinlegen. In 25 Jahren fragen wir uns dann: “Was waren das für Zeiten?” Ziel ist, A MAZE. so international wie möglich zu halten. Das Co-/ Production Village soll größer werden. Ich will nicht, dass es total verkommerzialisiert wird. Es soll schon seinen Charakter behalten, es soll offen und frei bleiben, das macht das A MAZE. Festival aus. Ich will nicht alles durch ein Protokoll bestimmt haben, sondern mittendrin stehen und zum Abschluss das DJ-Set geben.

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“Ich will nicht alles durch ein Protokoll bestimmt haben, sondern mittendrin stehen und zum Abschluss das DJ-Set geben.”

Nina Wie selektiert ihr die Spiele, welche Kriterien spielen da eine Rolle?

Thorsten Gehen wir mal von den Einreichungen für den Award aus: Wir haben unser Selection Committee, wo wir nicht jeden einzelnen kennen, der da drin ist, und verteilen die Spiele an die Leute. Dann bekommen wir das ganze Feedback, setzen uns im internen Kreis zusammen und spielen genau das Ausgewählte. Wir checken auch noch mal alles durch. Es kann auch sein, dass Sachen, die ganz unten stehen, wo das Selection Committee bei der Mechanik oder vom Inhalt einfach von einer ganz anderen Richtung kam und nur zwei, drei Leute es wirklich gespielt haben, dann noch hochrutschen.

Nina Hast du da einen konkreten Fall, einen Titel, der missverstanden wurde?

Thorsten Letztes Jahr war das Curtain. Das war ziemlich weit unten und wir haben es dann nach oben geschoben. Wir haben gesagt, das ist einfach ein einzigartiges Projekt, das gab es so noch nicht und wir wollen mit der A MAZE. solche Sachen nach vorne schieben. Da war Curtain der richtige Gewinner, obwohl wir natürlich keinen Einfluss darauf hatten. Das war so ein Fall, das es komplett unter ferner liefen war und wir in der internen Runde gesagt haben: “Das muss auf jeden Fall nach oben, das wollen wir auf jeden Fall im Wettbewerb haben.”

Nina Das heißt, man immer eine Chance und wenn man etwas Interessantes vorzuweisen hat, sollte man das auf jeden Fall versuchen.

Thorsten Genau. Wir haben politisch motiviertes dabei gehabt, sehr viel Poesie, total verrückte Geschichten… wir haben Sachen wie Antioch, was so eine Art Local Multiplayer ist, wo auf zwei Devices zwei Charaktere gespielt werden. Das ist ziemlich cool, das gab’s davor nicht. Bei solchen Sachen merkt man, dass Leute verstehen, Technologie neu anzuwenden und Experimentelles versuchen. Sowas muss gezeigt und gefördert werden, damit es wieder andere inspiriert, es vielleicht noch besser zu machen. Viele Leute gucken voneinander ab, das ist ja kein Problem. Es soll weiterlaufen, und das geschieht nur, wenn die Leute voneinander lernen und sich miteinander unterhalten. Dementsprechend achten wir schon darauf, dass die Sachen neu und experimentell sind, etwas das sich vom Mainstream komplett loslöst. Der Mainstream bedient das, wofür es schon einen Markt gibt.

Wir haben in diesem Jahr auch Mature Content gehabt, wo wir überlegten, ob wir das wirklich zeigen sollen. Dadurch, dass wir eine Ausstellung und keine Messe sind, haben wir diese Altersvorschriften nicht. Wir zeigen Kunst und Kunst ist halt so wie es ist. Wir machen die Kuration, hängen vorne einen Zettel dran und wenn Kinder reinkommen, dann müssen halt die Erwachsenen entscheiden, ob sie es erklären oder ihre Kinder wegziehen.

Für mich ist es auch wichtig über Sexualität zu reden. Genderdebatte, Gamergate…. es ist wichtig solchen Content dann auch zu zeigen. Games wie Genital Jousting – was ja ein unglaublich lustiges Spiel ist und auch verdient den Audience Award gewonnen hat – beweisen ja auch, dass die Menschen gerne mit ihren Genitalien spielen. Und ein Festival soll im Endeffekt einen Diskussionsgrund bieten. Darauf können die Leute dann ja alles zerreißen, das ist vollkommen in Ordnung, aber man muss gucken, dass man irgendwas bietet. Ich will keine Skandale bieten, aber etwas, worüber man reden kann.

Ich glaube auch der Presse tut man was Gutes, wenn sie drüber schreiben kann, dass die Gamesszene sich mit Allem auseinandersetzt, was heutzutage in der Welt passiert. Es geht nicht um Kinderspiele, sondern um erwachsene Inhalte, dass man das Leben reflektiert, oder der Gameentwickler sich selbst. Das finden wir einfach schön. Wir haben dieses Jahr auch viele Transgender-Menschen auf der Bühne und in der Jury gehabt. Die Jury bestand aus vier Frauen und einem Mann. Wir achten da schon darauf. Das fällt vielen vielleicht nicht auf, ich rede auch nicht die ganze Zeit darüber, aber es ist wichtig, dass solche Sachen einfach passieren.

Nina Das ist super, wenn es Normalität wird. Gerade das finde ich schön.

Thorsten Genau. Es gibt so viele unglaublich tolle, kreative Frauen in der Gamesszene, die Unglaubliches schaffen und ich finde das muss einfach unterstützt werden.


Das ungekürzte Gespräch findet ihr zusammen mit weiteren Interviews auf Soundcloud. Mehr über die A MAZE. / Berlin findet ihr hier bei uns, etwa empfehlenswerte Talks vom Donnerstag und Freitag oder unsere Lieblingsspiele der Ausstellung. Die Fotos in diesem Artikel stammen (mit freundlicher Genehmigung) von Julian Dasgupta.