Spaßbremse: Humor vs. Sexismus auf der Gamescom (Update)

“Der Kompromiss mag zwar nicht besonders galant sein, aber immerhin bildet er eine Diskussion ab, die momentan an vielen Stellen geführt wird. Und Diskussionen sind immer gut.”
(Quelle: GIGA Games)

Diskussionen sind ein großer Fortschritt dazu, problematische Aussagen und Beiträge einfach unreflektiert und mit stiller Selbstverständlichkeit zu präsentieren, aber sie sind selbst noch kein Idealzustand. Über manche Dinge muss eigentlich nicht geredet werden. Wie über die Frage, ob es akzeptabel ist, Cosplayerinnen und Hostessen zu belästigen, oder ob sexistisches Verhalten, unabhängig von tatsächlichem Unterhaltungswert, durch den bloßen Verweis auf humoristische Intentionen entschärft wird. Diese Diskussion hat nämlich bereits stattgefunden – von Superlevels Nina Kiel über Tina Amini, Patricia Hernandez und Maddy Myers haben bereits eine Vielzahl von Autorinnen Sexismus auf Spielemessen durchleuchtet – und die Antwort auf beide Fragen ist natürlich ein eindeutiges, lautstark widerhallendes “Nein!”.

Der Grund, warum die Diskussion nun doch wieder sein muss, so hier irgendjemand das Glück hatte, die neueste Entgleisung lokaler Spielemedien bisher verpasst zu haben, liegt in einem Video namens Pranking @ Gamescom 2013, in dem erwachsene Männer Besucherinnen der besagten Messe mit peinlichen Anmachsprüchen, Sexspielzeug und dem konsequenten Eindringen in persönliche Räume belästigen. GIGA hat sich in Folge der allgemeinen Entrüstung entschlossen, das Video zunächst von ihrer Seite und schließlich auch von ihrem YouTube-Kanal zu entfernen. Dadurch ist die peinliche Dokumentation nur noch bei den verantwortlichen YouTube-Komödianten NosTeraFuTV zu finden. Wer die eigene Ausdauer im Fremdschämen testen möchte, kann das hier tun, auch wenn ich das niemandem guten Gewissens raten kann. (Nachtrag: Das Video ist inzwischen nicht mehr verfügbar.)

Für GIGAs Entscheidung, sich von dem Schund zu distanzieren, gibt es hier zunächst mal zwei wohlwollend nach oben gestreckte Daumen: Recht so. Aber völlig ausgeräumt ist die Affäre mit der korrekten Antwort auf öffentlichen Druck noch nicht. Allein die Tatsache, dass im Vorfeld – dem Zeitpunkt zu dem die Diskussion über das Video eigentlich, redaktionsintern, hätte stattfinden sollen – auch nur für eine Sekunde darüber nachgedacht wurde, solchen Unfug mit offiziellem Sanktus durchzuwinken, halte ich für peinlich und verantwortungslos. Es gibt hier keineswegs, wie von GIGA angedeutet, einen nachvollziehbaren Konflikt unterschiedlicher, gleichwertiger Perspektiven.

NosTeraFuTV überschreitet in diesem Beitrag eindeutig Grenzen, und zwar nicht nur die des guten Geschmacks. Aus Ignoranz über die Konsequenzen und den Kontext ihres Verhaltens tragen die Witzbolde hier wesentlich zum negativen Ruf von Spielemessen, die ohnehin für  Übergriffe berüchtigt sind, und Spielern, die immernoch weitgehend als pubertäre Männergemeinschaft gelten, bei.  Hier wird konsequent an der Erhaltung negativer Stereotype gearbeitet, alles im Namen infantiler Wortspiele. Die tatsächliche Veröffentlichung eines solchen Videos auf einer ansonsten respektablen Spieleseite wie GIGA stellt ein klares Versagen von Kontrollinstanzen dar. Es lässt sich in keinster Weise verteidigen.

Das heißt aber nicht, dass es nicht Menschen gäbe, die genau das versuchen. Es findet sich auch ein Publikum, das sich von diesem pöbelnden, pubertären Humor bestens unterhalten fühlt und nun gestellte Entrüstung über den ach so witzigen Clip wittert. Seine Kommentare, ebenso wie die Reaktionen der Macher, die sich pikiert über unverständliche Kritik geben, zeigen ganz gut, welche rückschrittliche Vorstellungen sich in Spielerkreisen halten, wenn es um Humor, Cosplay und Konsens geht.

“Wenn man dann doch ein wenig Sekunden damit verschwendet nachzudenken und sieht wie ich sage, dass mir Spiele egal sind und dann viele, auch weniger bekannte Gamingreferenzen verwende, sollte klar sein, dass das nicht ernst gemeint ist und ich lediglich eine “Rolle” spiele.”
(Quelle: YouTube)

Fangen wir mit Humor und seinen Grenzen an, andernfalls schwebt das vermeintliche Totschlagargument “Ja, aber Satire!” über jedem weiterem Kritikpunkt. Es scheint, als stecke in manchen Köpfen noch die fixe Idee, allein der Versuch, witzig zu sein, erlaube das Überschreiten von Grenzen und das Ignorieren von Kritik. Die vermeintliche Satire als Schild, sozusagen. Der Freifahrtschein “nur ein Witz” ist in Wahrheit ebenso unsinnig wie die ewige Ausflucht “nur ein Spiel”, mit der die unbequemen Auswüchse digitaler Unterhaltung abgetan werden.

Humor ist ein Medium wie jedes andere, vielseitig verwendbar, und es liefert mal bessere, mal schlechtere Resultate. Aber er ist niemals nur Humor: Wie jede andere kreative Ausdrucksform bilden Witze immer bestimmte Weltvorstellungen ab. Die Frage, über welche Gruppe man sich lustig machen soll, und wie, ist dabei ebenso politisch wie die Frage, welche Nation als Feindbild im Militärshooter herhalten muss. Witze gehen immer auf jemandes Kosten, und bei einem bleibt es natürlich nicht. Wer, wie Frauen in Spielerkreisen oder Spieler in der Gesellschaft, einmal, aus welchen hirnrissigen Gründen auch immer, zum Ziel des Spotts wird, bekommt das nie nur einmal zu hören.

Genau das scheint die “Muss man aushalten”-Fraktion in dem Moment, wo sie mal nicht selber veralbert wird, spontan zu vergessen. NosTeraFuTV missversteht, in welcher Tradition die eigene Arbeit steht und auf welchen Klischees sie beruht. Komödie hätte auch die Macht, sich kritisch mit diesen Stereotypen auseinanderzusetzen und zu enthüllen, wie lächerlich Klischees eigentlich sind, aber das erfordert Raffinesse und aufwändige Planung. Billige Schmuddelwitze und Wortspiele sind da leichter geschrieben. Wer nun die eigenen Sticheleien ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Unterschiede ausbreitet oder sich vielleicht sogar benachteiligte Gruppen zum Ziel des Spotts nimmt, trägt damit zur Erhaltung der bestehenden Benachteiligung bei und bekommt dafür zurecht auf die Ohren. Kein Medium ist über Kritik erhaben.

Sollte es sich bei diesem Werk also tatsächlich um Satire handeln, wie in manchen Kreisen gemunkelt wird, so stellt sich für mich folgende Frage: Über wen oder was macht es sich lustig? Über Spieler, die ja bekanntlich nicht wissen, wie sie mit Frauen reden sollen? Über die anwesenden Frauen, die ja auf dieser Messe deplatziert sind? Dabei handelt es sich schließlich um die einzigen Akteure in dem Video. Nur wieso sollte ich, als Freund digitaler Unterhaltung mit einem Mindestmaß an Selbstachtung, es lustig finden, dass hier Klischees über die Männerdomäne Videospiel erhalten werden? Oder ist das der subtile Versuch sexistische Berichterstattung, also sich selbst, zu parodieren? In dem Fall steht der Beitrag vor dem selben Problem wie Far Cry 3: Die bloße Imitation einer Problematik macht einen noch nicht zur Karikatur, nur zu einem Teil des Problems.

Aber, ach, vielleicht habe ich auch nur keinen Humor. Schließlich fanden viele das Video doch unterhaltsam, sogar die Frauen, die darin vorkommen, waren angeblich vom Humor ihres Peinigers begeistert. Klar zu erkennen an den entsetzten Gesichtern, den missmutig verzogenen Mündern und den schamvoll abgewendeten Blicken. Die verhaltenen Lacher, zu denen sich die Damen dann doch hinreißen lassen, als rückwirkende Billigung der eigenen Unverschämtheit zu nehmen, zeugt von einem klaren Mangel an Verständnis. Menschen lachen aus vielen Gründen und in vielen Situationen, nicht nur dann, wenn sie sich unterhalten und sicher fühlen.

Das genaue Gegenteil scheint mir im Falle der plumpen Anmache ein wahrscheinlicheres Szenario, aber die Machtinstrumente Mikrofon und Kamera zwingen einem nunmal eine bestimmte Reaktion auf. Wer nicht vor laufender Kamera eine Szene machen und dann als Spaßbremse gelten will, geht den Weg des geringsten Widerstandes und lässt es über sich ergehen. Die Dokumentation des eigenen Verhaltens weckt in uns allen den Drang, möglichst nicht negativ aufzufallen. Deswegen halte ich es für wenig hilfreich, den Belästigten einen Mangel an spontaner Entrüstung vorzuwerfen. Vielmehr wäre es hier die Aufgabe der professionellen Medienmacher, mehr Rücksicht zu zeigen.

Selbst gestandene Spielejournalisten scheinen sich damit schwerzutun, aber es gibt einen himmelweiten Unterschied zwischen Hostessen und Cosplayerinnen. Den zwischen offiziellem Marketing und der freiwilligen Darstellung des eigenen Kunsthandwerks und Körpers nämlich. Beide Gruppen sind gerne mal leicht bekleidet, aber bei Hostessen erklärt sich das aus dem Versuch von Herstellern, ihre Produkte mit sexualisierter Werbung an den Mann zu bringen, bei Cosplayerinnen aus dem Wunsch, Haut zu zeigen, und den sexualisierten Vorlagen ihrer Kostüme. Die Strukturen hinter beiden Phänomenen, das Anbiedern an pubertäre Märkte einerseits und das sexualisierte Charakterdesign der Kostümvorlagen andererseits, verdienen kritische Betrachtung, aber niemals sollte diese Kritik dazu übergehen, den Akteurinnen ihre Beteiligung vorzuwerfen oder Scham an fremder Menschen Körper einzufordern.

Die Annahme, spärliche Bekleidung wäre eine Einladung zu aufdringlichem “flirten” oder würde etwas über den Charakter einer Frau aussagen, ist ein großer, dampfender Haufen sexistische Kackscheiße. Hier zeigen sich die unterschiedlichsten Erklärungsversuche, wie Frauen Belästigung herausgefordert haben, und warum es in dem Moment okay war, die persönlichen Grenzen eines anderen Menschen zu überschreiten. Manchen genügt es scheinbar bereits als Einladung, dass Frauen sich überhaupt auf eine Spielemesse wagen. Andere konstruieren Rechtfertigungsversuche aus der Tatsache, dass Cosplayerinnen, die monatelang an ihrem Kostüm gearbeitet haben, es wagen, die Aufmerksamkeit zu genießen, die sie dafür bekommen. Der englischsprachige Raum kennt einen Oberbegriff für solch mittelalterliche Ansichten, benannt nach der extremsten Form dieser Grenzüberschreitung: Rape Culture.

Konsens geht anders. Und da auch hier Unklarheit zu herrschen scheint, einmal zum mitschreiben: Die Kostümierung des Gegenübers berechtigt zu gar nichts. Selbst wer eigentlich gesehen werden will, mag manche Blicke unangenehm finden, und es ist eure Aufgabe, euch dessen bewusst zu sein. Niemals ist es die Pflicht der Belästigten, ihre Belästiger darauf hinzuweisen, wenn sie Grenzen überschreiten. Welcher vernünftige Mensch würde denn auch hoffen, damit auf offene Ohren zu stoßen, wenn dem Gegenüber die Sensibilität fehlt, das selbst zu bemerken? Belästigendes Verhalten ist nicht so lange in Ordnung, bis die belästigte Person Einspruch erhebt – es ist zu keiner Sekunde akzeptabel.

Respektvoller Umgang ist kein Privileg, das erst durch entsprechend energische Abweisung, durch bewiesene Fachkenntnis oder durch Anpassung an anderer Leute Vorstellungen von “sittlicher” Verhüllung verdient werden muss. Er ist ein Recht und steht jeder Spielerin, jeder Messebesucherin, jedem Menschen zu. Da braucht es keine Diskussion, sondern nur die Bereitschaft mancher Menschen, vorhandene Beiträge auch mal zu lesen, und ohne das Kontrollinstrument Aufschrei über ihr Verhalten nachzudenken.


Nachtrag

Fabu Im Podcast Radio GIGA #127 ist eine Stellungsnahme der GIGA-Redaktion zum Vorfall zu hören. Was die Situation deutlich hätte entschärfen können, entpuppt sich leider als Verschlimmbesserung. Anstatt sich für das Video und die Kurzsicht wohlüberlegt zu entschuldigen und die Wogen zu glätten, hagelte es peinliche Scheinargumente und Ausreden. Auch wenn sich einer der Teilnehmer klar gegen das Video aussprach, bleibt der bittere Nachgeschmack fehlender Einsicht. Selbst im Kurzinterview mit Dennis Kogel für die Radiosendung Trackback zeigte der Redakteur David Hain keinerlei Verständnis für die Diskussion. Spätestens zu dem Zeitpunkt war mir klar, in Zukunft keine GIGA-Redakteure mehr zu unseren Podcasts einladen zu wollen. Letztlich repräsentiert jeder Redakteur von GIGA eine Webseite, deren verantwortliche Betreiber in Bezug auf Medienkompetenz verantwortungslos handeln. Die Superlevel-Autoren stehen geschlossen hinter dieser Entscheidung.

Im Forum der Seite Kleiderkreisel meldete sich eine Cosplayerin zu Wort, die auf der Gamescom vor Ort war. Rebecca gehört zu den Personen, die im Zuge der Videoaufnahmen belästigt wurden und nun rechtliche Schritte gegen die Verantwortlichen unternehmen möchte. Wir finden das gut, stehen mit Rebecca in Kontakt und werden den Verlauf beobachten. Ihre Aussagen widerlegen unter anderem die Behauptung, dass Teilnehmerinnen im Vorfeld über die Veröffentlichung informiert worden seien. Besagtes Video wurde inzwischen entfernt.

Michael veröffentlichte auf kollisionsabfrage.net einen Artikel, in dem er das Video von NosTeraFuTV analysiert und weitere Missstände dokumentiert.

“Pikant wird es aber vor allen Dingen, wenn man die medienrechtlichen Aspekte betrachtet. Es ist schwer vorstellbar, dass alle Personen mit der Verwertung ihres Materials einverstanden sind. Stichwort Recht am eigenen Bild. Erst mit dem Einverständnis der gefilmten Person, welche eindeutig zentraler Gegenstand der Szene sein muss, kann das Material verwendet werden. Bei minderjährigen Personen ist die Zustimmung der Erziehungsberechtigten erforderlich. (…)”