OUYA – Image über Qualität

Die Indie-Konsole OUYA war eine Kickstarter-Erfolgsstory par excellance: August 2012 konnte das Projekt über 8.500.000 US-Dollar dank Spenden akquirieren, seit Ende Juni befindet sie sich offiziell im Handel. Dabei hat sie sich auch schon richtig im Konsolenkrieg positioniert: Während Microsofts Xbox One und Sonys Playstation 4 sich gegenseitig die Fressen blutig zu schlagen drohen, steht die OUYA am Rande der Veranstaltung und nuckelt an ihrem Mate-Extrakt-haltigen Kultgetränk rum. Diese ‘indie-as-fuck’-aeske Attitüde wirkt allerdings alles andere als cool auf mich, denn damit kann die Konsole ihren eigenen Ansprüchen (noch?) nicht gerecht werden.

vom Zoll abgefangen zu werden, wie wenige Tage zuvor noch zu befürchten war.

Wie auch viele andere erlag ich zu Beginn dem Charme der OUYA. Eine kraftvolle Spielekonsole für nicht mal 100 US-Dollar? Quasi eine Konsole für alle? Wer würde das nicht wollen? Exakt 63.416 Menschen wollten Sommer 2012 eben diesen Traum in die Realität umsetzen. 63.416! Das muss man sich mal vorstellen! Quasi so, als wäre die gesamte Einwohnerschaft der Stadt Dormagen im Jahre 2004 plötzlich dem Indie-Konsolen-Fieber erlegen! Freudestrahlend hätten sie ihre Bausparverträge verschleudert und in die Winde einer ungewissen Zukunft geworfen. Etwas lag in der Luft. Eine Revolution im Kleinen war im Gange. So oder so ähnlich jedenfalls.

„Deep down, you know your best gaming memories happened in the living room.“
(Quelle: OUYA-Kickstarter-Kampagne)

Dabei irritiert jedoch die in der Kickstarter-Kampagne angewandten Sprache für die ‘Volkskonsole’: „It’s time to upend console gaming“, da ist von einer „revolution“ und vom „world-class controller“ — sogar dem Stradivarius of controllers“ — die Rede, die OUYA als ein „love letter to console gaming“ wird in Aussicht gestellt. Es scheint fast so, als würde die Aussage prägnant formuliert folgendermaßen lauten: „Wenn ihr zu den ‘wahren’ SpielerInnen gehört, dann ist die OUYA was für euch.“

Mir gefällt sowas nicht, da ich es in Hinblick auf die Spielekultur für recht belanglos und sogar teils destruktiv halte, wenn solche Abgrenzungsversuche zu Verkaufs- oder Unterstützungsargumenten umfunktioniert werden. Durch derartig idiotisches PR-Vokabular wird der Irrglauben, dass irgendjemand das Oberhaupt einer ganzen Kultur — in diesem Fall die digitale Spielekultur — darstellen könnte, unnötig aufrechterhalten. Und selbst wenn dies möglich wäre, so kann die OUYA darauf leider keinerlei Anspruch verifizieren. Damit meine ich noch nicht einmal die organisatorische Farce der massenhaften Lieferverspätung bei den Früh-UnterstützerInnen.

Ein viel wichtigerer Negativfaktor ist nämlich das äußerst geringe Spieleangebot. Gerade einmal knapp 230 Spiele sind derzeitig verfügbar, die leider zu wenige grandiose Titel bergen: Zwar gibt es immerhin Final Fantasy III (allerdings die 3D-Umsetzung, die eine Mischung aus unwohlem Magengrollen und aufsteigenden Brechreiz in mir verursacht), Organ Trail: Director’s Cut, Deep Dungeons of Doom sowie TowerFall, aber das ist noch zu wenig.

Unklug erscheint dabei auch der Schachzug, den NutzerInnen den Zugang zum Google Store zu verwehren und nicht einmal zu erklären, warum. Eine auf Android basierende Konsole, die nicht einmal den Zugang zu bereits gekauften Applikationen ermöglicht, erscheint sehr paradox; besonders wenn man bedenkt, wie simultan praktisch gar nichts gegen die ROM-Szene unternommen wird.

Die OUYA ist also noch nicht ganz zu sich gekommen. Dafür finden andere den Weg — wie beispielsweise Terry Cavanagh — den Weg zu ihr. Der wunderbare Spiele-Designer hat bereits zehn Spiele für die OUYA portiert und plant dies auch für auch seine beiden Kassenschlager VVVVVV und Super Hexagon. Dabei war er ihr mal skeptisch gegenüber eingestellt, änderte dann jedoch seine Meinung.

„[T]hey stopped using the term “Free to Play” and started using the term “Free to Try” – a concept I’m entirely cool with. That was enough to turn me from anti-Ouya to Ouya-neutral – it took getting my hands on one for 10 minutes to make me pro-Ouya. This thing is awesome.“
(Quelle: Terry Cavanagh)

Das kann ich persönlich nicht nachvollziehen, da ich von der Verkaufspolitik der OUYA äußerst genervt bin. Obwohl das ‘Free to Test’-Konzept ja eigentlich kein im Ursprung schlechtes ist, fühle ich mich doch für dumm verkauft: So wird mir nämlich nirgends — nicht einmal auf der offiziellen Webseite — der Vollpreis des Spiels angezeigt, den ich nach der (ebenfalls nicht vorher genau ausgesprochenen) Testzeit entrichten müsste. Ich starte also ein Spiel und werde unvermittelt nach einiger Zeit herausgerissen, so geschehen bei Organ Trail. Ich verließ die Anfangsstadt, befand mich auf der Hauptstraße, erledigte ein paar Zombies und sammelte Nahrung für die bevorstehende Reise an und wurde nach zehn Minuten Spielzeit mit der Nachricht beglückt, dass ich mich nun für die Vollversion entscheiden könnte.

Das ist ein hanebüchenes Vorgehen. Als Nutzer wüsste ich gerne im Vornherein genau, was mich erwartet: Wie lange habe ich Zeit zum Antesten? Wie viel kostet der Spaß dann? Solch eine Informationspolitik rächt sich schnell, wie die bisherigen ernüchternden Amazon.com-Bewertungen beweisen. Im Durchschnitt erlangt die OUYA derzeitig gerade mal 3.5 von 5.0 Sternen bei knapp 200 Bewertungen. Die Seifenblase scheint geplatzt.

Eigentlich könnte ich noch mehr erzählen, noch weitere Sticknadeln in das Bläschen werfen. Die WLAN-Unterstützung ist teils unterdurchschnittlich, teils grottenschlecht. Ich brauchte sieben Anläufe, bis ich das große erste Firmware-Update ordentlich herunterladen und installieren konnte (es gibt allerdings eine Ethernet-Unterstützung). An manchen Tagen konnte ich nicht einmal Spiele, die gerade mal 35 MB groß waren, innerhalb einer Stunde herunterladen. Ein weiteres, sehr fieses Manko ist der Kreditkartenzwang bei der Erstellung eines Kontos. Können keinerlei Kreditkartendaten (egal ob regulär oder Prepaid) angegeben werden, so kann die OUYA momentan auch nicht genutzt werden. Es ist zum Verzweifeln. Was in den Vereinigten Staaten und anderen Ländern gängige Praxis sein mag, ist hier nicht zwangsläufig der Fall. Nur der dauerhaften Kritik am Controller kann ich mich nicht anschließen. Von seiner Vierschrötigkeit mal abgesehen hatte ich keine Probleme, auch nicht mit dem oftmals bemängelten schlechten Controller Aiming.

„Sollte die Ouya zum Marktstart nicht über ein deutlich umfangreicheres Spieleangebot mit einigen Toptiteln verfügen, lohnt sich die Ausgabe […] nicht. Zu groß ist die Gefahr, mit der Investition lediglich ein Betatestgerät zu erhalten.“
(Quelle: Tobias Költzsch und Michael Wieczorek, golem.de)

Die Bestechungversuche mit Indie-Regenbögen und Toptitel-Zuckerstückchen haben nicht funktioniert, die graue Realität hat die Euphorie schnell eingeholt. Dennoch mag ich das Projekt OUYA noch nicht ganz aufgeben. Die kleine Gerätschaft wird zwar vorerst nur zum Staubfänger taugen, aber wer weiß. Ich werde auf meinem Sofa sitzen und warten. Und warten. Und warten. Auf eine rosigere Zukunft, in der OUYA mit mehr Bescheidenheit, Transparenz und Zuverlässigkeit den Fokus auf sich lenkt. Die Hoffnung bleibt.

Weitere Informationen über die OUYA erhaltet ihr im
Insert Moin-Podcast Nr. 791.