Geisterjäger: Den Spiegel an die Wand gestellt

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“Je mehr Menschen Videospiele zu einem Teil ihres Lebens machen, desto größer sollte der Einfluss der Journalisten sein, die über dieses Medium berichten. In Deutschland ist das Gegenteil der Fall. Die etablierte Spielekritik nimmt ihren Vertretungsanspruch nicht wahr.” – Christian Schmidt

Wer bis zuletzt an den Mythos glaubte, der einst von Christian Schmidt heraufbeschworene Geist spuke noch heute durch die gläsernen Katakomben des Spiegel-Hauses, der wird wohl angesichts der aktuellen Titelgeschichte des renommierten Sachkundelehrer-Fachmagazins endgültig von diesem Irrglauben abgefallen sein.

SPIEGEL

Wo einem sonst gefühlt alle zwei Wochen Adolf Hitler seine irren Blicke entgegenwirft, wird diese Woche in den unverkennbaren GTA-Lettern ein Leitartikel zum Thema Videospiele angepriesen, der viel über, aber wenig von Videospielen erzählt. Einmal mehr wird viel über das ganze Drumherum geschrieben und gleichzeitig mit Berichten über tatsächliche Spielerfahrungen gegeizt. Was schade ist, aber kein Weltuntergang, die Kernkompetenz des Spiegels liegt schließlich in einem Schützengraben bei Königsberg und nicht in Los Santos. Schulterzucken und weitergehen, wie ich es ursprünglich geplant hatte, entpuppte sich leider als voreilige Reaktion, denn innerhalb weniger Stunden füllte sich nicht nur meine Twitter-Timeline mit Empörungsbekundungen, es wurden gar ganze Artikel geschrieben, die einen vollkommen harmlosen Bericht über Videospiele behandelten, als hätte darin jemand den nuklearen Holocaust von New Vegas geleugnet. Hier ist er also, der Artikel zu den Artikeln zu dem Spiegel-Artikel. Warum auch immer das nötig ist.

An dieser Stelle könnte ich nun etwas mehr ins Detail gehen. Etwa worum es in dem mit „Spielen macht klug“ selten dämlich betitelten Spiegel-Aufmacher geht. Wer zwischen den Zeilen lesen kann, kommt mit ganz viel Fantasie womöglich auch so dahinter. Viel entscheidender als dieser Ursprung der Empörung auf Seiten verschiedener Spielejournalisten und –blogger ist die Art und Intensität des Aufruhrs, der gemessen an der Banalität des Streitgegenstands völlig unverhältnismäßig wirkt. Ganz in der Tradition von Statler and Waldorf aus der Muppet Show erschallen die Schmährufe aus der Loge der Gaming-Hochkultur, weil es ein eher fachfremdes Blatt gewagt hat, für ein fachfremdes Publikum einen letztlich auch über weite Strecken fachfremden Artikel zu veröffentlichen. Das kann man kritisch sehen und das darf man selbstverständlich auch öffentlich kritisieren. Mir blutet selbst das Herz, wenn mein liebstes Medium falsch oder nicht hinreichend in einer solch großen Publikation repräsentiert wird, doch fehlt mir in diesem speziellen Fall das Innehalten. Das Durchpusten, bevor man seiner wilden Wut freien Lauf lässt. Wie ein Teenager, dessen Lieblingsband Opfer einer schlechten Plattenbesprechung wurde, stürzen sich plötzlich von mir durchaus geschätzte Schreiberkollegen wie Muttertiere mit übermäßigem Beschützerinstikt in den gegnerlosen Kampf, um ihre Lieben zu verteidigen. Dabei handelt es sich mitunter um Personen, denen es wichtig ist, dass Videospiele als erwachsenes Medium wahrgenommen werden, die ihnen aber paradoxerweise im gleichen Atemzuge nicht zutrauen, für sich selbst zu sprechen.

“Everything here is immediately followed by sarcastic comments and nasty responses.”

Beim Spiegel haben sie Videospiele anscheinend immer noch nicht ganz verstanden, so der Grundtenor der Kritik. So wie der Rolling Stone damals auch die eigene Lieblingsband einfach nicht verstanden hat. Wenn man Videospiele versteht, hört man anscheinend gleichzeitig damit auf, Verständnis für all jene Menschen da draußen zu haben, die es nicht kapieren können oder auch gar nicht kapieren wollen. Dass Videospiele Kunst sind, zum Beispiel. Dass sie kein reines Unterhaltungsprodukt für Heranwachsende sind, sondern ein wichtiges Kulturgut. Der Spiegel behandelt sie stattdessen wie ein ökonomisches Phänomen, stellt ihre Wirtschaftlichkeit und Nützlichkeit heraus, vermittelt aber nicht den Reiz des Spielens. Also genau der falsche Ansatz, wenn man Videospiele verstanden hat. Doch das Abstrahieren des eigenen Blickwinkels ist sicherlich eine der herausforderndsten Aufgabenstellungen, wenn es darum geht, ein solches Vorgehen nicht überzubewerten. Es ist ein Artikel, der das Medium nicht voranbringt, aber ebenso wenig wirft er es zurück, auch wenn es sich so anfühlt, als hätte man die ganze Grütze schon einmal vor 10 Jahren in ähnlicher Form schlucken müssen. Es ist ein Artikel für Menschen mit einem Kenntnisstand von Videospielen, der vielleicht sogar noch weiter in der Vergangenheit liegt. Klar kann man es leid sein, dass immer wieder altgediente Klischees bedient werden und zu wenig auf inhaltlicher Ebene passiert, aber kann man dem Altherrenblatt nicht wenigstens zu Gute halten, dass es David Cage nicht versehentlich als Hitlers Helfer charakterisiert? Die Zeit der Killerspiele ist schließlich gar nicht so lange her, da ist ein durchweg positiver Bericht über Videospiele für ein bisweilen so kulturreaktionäres Magazin, wie es der Spiegel nun einmal ist, keine Selbstverständlichkeit.

Das wirklich Traurige an den ganzen negativen Reaktionen ist aber, dass sie nicht helfen. Sie machen einen vermeintlich schlechten Artikel nicht besser und spiegeln eine exklusive Deutungshoheit wider, die in der Form einfach nicht existent ist. Denn bloß weil man Videospiele für Kunst hält, muss man sich als Kenner nicht in elitäres Hinabgerede flüchten oder sich als Sprachrohr des „richtigen“ Spielejournalismus aufspielen. Das mag alles im Affekt der Entrüstung noch verständlich sein, ist in seiner gezeigten Persistenz und Penetranz jedoch kontraproduktiv und bisweilen einfach nur nervtötend. Klar wird der Spiegel mit seinem Artikel eher wenige unkundige Leser dazu bewegen, einen genaueren Blick in die Welt der interaktiven Digitalkunst zu werfen, was aber nicht zuletzt auch den demografischen Eigenheiten seiner Leserschaft geschuldet sein dürfte. Das Profilieren über das Niedermachen von Veröffentlichungen journalistischer Kollegen hingegen bringt weder neue Spieler, noch erweckt es bei bereits aktiven Liebhabern des Mediums Sympathie. Sicherlich ist es unabdingbar, sich einen kritischen Blick auf das oftmals fragwürdige Geschreibsel der Games-Journaille zu bewahren, dieser sollte jedoch ebenfalls den dafür angemessenen Rahmen im Auge behalten. Tagelange Schimpftiraden hat ein solch banaler, an Spielelaien gerichteter Artikel jedenfalls wahrlich nicht verdient.

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“Computerspiele sind Teil unserer Kultur, nicht besser oder schlechter als Filme und Bücher.” – Der Spiegel, 3/2014

Mein Beitrag zu dieser Diskussion ist letztlich genauso unnötig, wie die Diskussion an sich. Eine Diskussion, die sich von dem zentralen Thema Videospiel fortbewegt hat, damit am Ende doch hoffentlich wieder alle zu ihm zurückfinden. Letztlich ist es doch sekundär, ob man über Spiele als Kunst- oder als Kommerzprodukt berichtet, weil sie beides sind. Weil sie dieselbe Gratwanderung zwischen dem Bewegen der Seele ihrer Betrachter und dem der Kontostände ihrer Schöpfer bewerkstelligen müssen, wie jedes andere Unterhaltungsmedium auch. Wie Spiele im Lichte der Öffentlichkeit erscheinen, gestaltet sie nicht zuletzt deshalb mittlerweile über weite Strecken effektiv mit. Sie sind ein Massenmedium geworden, das dennoch eine große Masse nach wie vor nicht erreicht hat, weil andere Massenmedien wie der Spiegel sie nie so richtig ernst genommen haben. Eine achtseitige Titelgeschichte zum Thema, egal von welcher Qualität er auch sein mag, zeugt von einem positiven Wandel in dieser Hinsicht. Manchmal rede ich mir einen solchen Erfolg auch lieber schlecht, weil Videospiele und das Schreiben darüber meine Domäne sind. Auf der einen Seite will ich, dass meine Begeisterung für diese Dinge geteilt wird, auf der anderen Seite ist es auch eine Art, mich abzugrenzen. Ganz analog also zum Teenager, der den Plattenverriss seiner Lieblingsband praktisch als persönliche Beleidigung empfand, sich von besagter Band jedoch gleichzeitig wieder abwendete, als diese plötzlich von gefühlt jedem gemocht wurde. Während also Videospiele den schmalen Grat zwischen künstlerischem Anspruch und kommerziellem Erfolg begehen, muss der Spielejournalist seine eigene Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz zum Medium bewältigen.

Wie schwer einem das fallen kann, hat die ganze Spiegel-Geschichte nun ganz offen dargelegt. Somit hat möglicherweise auch ein eher bescheidener Artikel dazu beigetragen, die Berichterstattung über Spiele nachhaltig zu verbessern. Weil er aufzeigt, wie verbissen um die Verallgemeinerungsmacht von gutem Spielejournalismus gekämpft wird, anstatt einfach konsequent seine Auffassung davon durchzuziehen, ungeachtet der Arbeit anderer. Weil er zum Nachdenken darüber anregt, ob man etwas so Individuelles, wie das interaktive Erleben eines Spiels, einem weitestgehend unkundigen Publikum nachvollziehbar vermitteln kann. Zweifel daran sind durchaus legitim. Dem Elitarismus der oftmals selbstgerechten deutschen Spielebloggerlandschaft wird nebenbei ganz unbeabsichtigt der hier wortwörtliche Spiegel vorgehalten, weil zu oft vergessen wird, für wen man eigentlich schreibt. Im Gegensatz zum großen Wochenmagazin wohl in erster Linie immer noch für sich selbst.

Christian Schmidts beschworener Geist mag somit zwar nicht mehr in der Netzwelt-Redaktion des Spiegels sein Unwesen treiben, doch scheint er dennoch wie das Beil einer Guillotine über den Köpfen all jener Unverfrorenen zu schweben, die seinen Forderungen nicht gehorchen. Das Kannibalisieren unter Spieleschreiberlingen, das immer wiederkehrende Motiv der Zerfleischung unter Bloggern, die eigentlich das gleiche Ziel verfolgen, es wird kaum das sein, was Schmidt beabsichtigte. Es wird Zeit, diesen missverstandenen Geist wieder loszuwerden. Who you gonna call?